Beteiligung, die ankommt – Digital. Jugendnah. Mit yoggl.
Fachtag am 11. März 2026 (09:30—16:00 Uhr)
Deutsches Hygiene-Museum Dresden
Im Mittelpunkt des Fachtages „Beteiligung, die ankommt – Digital. Jugendnah. Mit yoggl.“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden stand die Frage, wie digitale Beteiligung von Jugendlichen zeitgemäß, wirksam und praxisnah gestaltet werden kann – insbesondere vor dem Hintergrund bestehender Herausforderungen zwischen Anspruch und Umsetzung.
Die Veranstaltung richtete sich an pädagogische Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit sowie angrenzender Bereiche und bot ein vielfältiges Programm aus Fachvorträgen und praxisorientierten Workshops. Die inhaltlichen Schwerpunkte lagen auf aktuellen Entwicklungen rund um die Themen künstliche Intelligenz, Social Media und digitale Beteiligungsformate. Diese wurden sowohl aus innovativer als auch aus kritisch-reflektierter Perspektive, etwa im Hinblick auf Datenschutz und rechtssichere Kommunikation, diskutiert.
Ein weiterer Fokus lag auf dem fachlichen Austausch und dem Knüpfen neuer Kontakte innerhalb der sächsischen Kinder- und Jugendarbeit. In diesem Zusammenhang wurde auch die sächsische Jugend-App „yoggl“ vorgestellt: Ihr Ziel ist es, Heranwachsende auf niedrigschwellige Weise zu informieren, sie miteinander zu vernetzen und zugleich vielfältige Beteiligungsmöglichkeiten sichtbar zu machen.
Der Fachtag setzte wichtige Impulse für die Weiterentwicklung digitaler Jugendbeteiligung und stieß bei den Teilnehmenden auf großes Interesse.
Impulsvorträge
Impulsvortrag 1: Digitale Jugendbeteiligung
Zusammenfassung des Impulsvortrags „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Digitale Jugendbeteiligung in Sachsen“
→ Prof. Dr. Nadine Jukschat (Hochschule Zittau/Görlitz, Fakultät Sozialwissenschaften)
Der Vortrag beleuchtet die zentrale Rolle der Kinder- und Jugendbeteiligung für eine lebendige Demokratie. Er differenziert Demokratie als Herrschafts-, Gesellschafts- und Lebensform und zeigt, dass Partizipation auf allen Ebenen erlernt und erfahrbar gemacht werden muss. Mithilfe der Partizipationspyramide nach Straßburger und Rieger wird zwischen Vorstufen (Information, Meinungsabfrage, Einholung von Lebensweltexpertise) und echter Beteiligung (Mitbestimmung, Teilautonomie, Selbstbestimmung) unterschieden; Jugendbudgets illustrieren hohe Beteiligungsgrade. Empirische Befunde – mit Fokus auf Sachsen – verdeutlichen: Kinder und Jugendliche wünschen sich besonders auf kommunaler Ebene mehr Mitbestimmung, kennen ihr Beteiligungsrecht jedoch oft nicht oder erleben dessen Missachtung. Institutionell gibt es in Sachsen positive Ansätze (z.B. Kinder- und Jugendbeauftragte), zugleich bestehen erhebliche Entwicklungsbedarfe (fehlende Landesstrategie, geringe Zahl an Jugendgremien). Digitale Formate werden als ergänzende, niedrigschwellige Werkzeuge – insbesondere im ländlichen Raum – diskutiert. Abschließend werden vier Kernforderungen herausgestellt: Beteiligung strukturell verankern, benachteiligte Jugendliche einbeziehen, lebensnahe Formate schaffen und erwachsene Entscheidungsträger zur Machtteilung befähigen.
Impulsvortrag 2: Künstliche Intelligenz im Alltag
Zusammenfassung des Impulsvortrags „Künstliche Intelligenz im Alltag – Warum wir alle KI-Kompetenz brauchen“
→ Arne Herkert (Medienpädagoge, Berater für Kinder- und Jugendmedienschutz, Leipzig)
Die 45-minütige Vorlesung von Arne Herkot (2026-03-11) bietet einen kritisch-praktischen Überblick zu künstlicher Intelligenz (KI) im Alltag und in der Jugendarbeit/Medienpädagogik entlang der Dimensionen Technik, Umwelt/Natur, Gesellschaft und Individuum. Sie erklärt verständlich die Funktionsweise aktueller KI-Systeme (Tokenisierung, Vektorräume, Vorhersage), grenzt ihre Fähigkeiten gegenüber menschlicher „fluid“ lernender Intelligenz ab und diskutiert Missverständnisse sowie Marketingbegriffe rund um „Superintelligenz“/AGI. Im Fokus stehen kommerzielle Dynamiken, Daten- und Feedback-Schleifen sowie die Tendenz zu plausiblen statt wahren Outputs mit „Regression zur Mitte“. Technische Grenzen (Zählfehler, Kontextabhängigkeit, Blackbox-Entscheidungen) werden anhand anschaulicher Beispiele („Strawberry“, „Blaubeermuffin vs. Chihuahua“) illustriert, während der ELIZA-Effekt und Anthropomorphisierung als psychologische Risiken eingeordnet werden.
Gesellschaftlich-ökologisch kritisiert der Vortrag den hohen Energie- und Wasserbedarf von Rechenzentren, den Einsatz seltener Erden und die Verstärkung globaler Ungleichheiten, was Zielen nachhaltiger Entwicklung entgegensteht. Konkrete Fälle (z. B. Spatenstich 2025 in Lübbenau, Druck auf Atomkraft-Debatten, fehlende Wärmenutzung von Datencentern) sowie Qualitätsverluste und Arbeitsmarktverwerfungen (Duolingo, Komoot) verdeutlichen Risiken. Algorithmische Systeme in Institutionen können gravierende Fehlentscheidungen begünstigen (spanischer Risiko-Score-Fall), Biases in Bewerbungsverfahren verstärken und koloniale, sexistische sowie rassistische Muster reproduzieren. Der Vortrag warnt vor Silicon-Valley-Ideologien, Geniekult und der Gleichsetzung von KI mit Bewusstsein, ordnet die Technologie nüchtern als komplexen „Taschenrechner“ ein und kritisiert den irreführenden Begriff „Halluzination“.
Trotz deutlicher Kritik werden konstruktive, gemeinwohlorientierte Alternativen betont: spezialisierte, kuratierte und offene Systeme (z. B. PIA der TU München), Civic-Tech-Initiativen (Civic Data Lab/Civic Coding), zivilgesellschaftliche Organisationen (Digitalcourage) sowie praktische Open-Source- und Offline-Setups (abgekoppelte ChatGPT-Variante). In der Jugendarbeit werden konkrete Übungen und Formate zur Medien- und Nachrichtenkompetenz vorgestellt (absurde Bildgenerierung, Prompt Battles, „Which face is real“, Bilderrückwärtssuche, kleine Manipulationsspiele), ergänzt um Datenschutzsensibilisierung (Snapchat My AI, Standortzugriff), Normkritik (patriarchale Muster auf Plattformen wie Character AI) und alltagsnahe Analogien (Spülmaschine) zur richtigen Einbettung von KI. Schlussbetonung: KI ist gestaltbar, kein Schicksal; informierte, kritische Nutzung, klare Verantwortlichkeiten und politische Rahmensetzung sind zentral. Eine Linksammlung wird per QR-Code in Aussicht gestellt.
Workshops
Workshop 1: Digitale Jugendbeteiligung
Digitale Jugendbeteiligung – Was braucht’s damit Mitmischen gelingt?
Ob Abstimmungen in der Klassengruppe, Umfragen per App oder digitale Beteiligungsformate von Kommunen – junge Menschen sind online unterwegs und bereit, ihre Meinungen und Ideen einzubringen. Doch wie kann echte Beteiligung im digitalen Raum gelingen? Welche Tools funktionieren in der Praxis – und was fehlt, damit digitale Mitbestimmung nicht nur möglich, sondern auch wirksam wird?
In diesem Workshop werfen wir einen lebensnahen Blick auf digitale Jugendbeteiligung: Welche Formate sprechen Heranwachsende wirklich an? Wie gelingt der Transfer von digitaler Beteiligung zu realen Entscheidungen vor Ort? Und was müssen Plattformen leisten – z. B. yoggl – damit sie junge Menschen nicht nur erreichen, sondern auch ernst nehmen?
Gemeinsam sammeln wir Erfahrungen, Herausforderungen und Ideen aus der pädagogischen Praxis. Ziel ist es, digitale Beteiligung weiterzudenken: jugendgerecht, alltagstauglich und so gestaltet, dass junge Menschen sich gehört und gesehen fühlen – digital wie analog.
→ Robert Härer (Sächsisches Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Referat Grundsatzangelegenheiten der Abteilung, Bürgerbeteiligung und Engagement)
Workshop 2: Rechtssichere digitale Interaktion
Zwischen Freiraum und Verantwortung – Heranwachsende rechtssicher im digitalen Raum begleiten
Jugendliche wollen posten, teilen, kommentieren, kommunizieren – sei es in Social Media-Formaten, über Messenger-Dienste oder auf Plattformen wie yoggl, die speziell für junge Zielgruppen entwickelt wurden. Dabei bewegen sie sich kreativ und selbstbestimmt, aber auch im Spannungsfeld rechtlicher und persönlicher Grenzen: Was ist erlaubt, was ist riskant? Wo drohen rechtliche Konflikte, etwa durch die Verwendung fremder oder KI-generierte Bilder, urheberrechtlich geschützter Musik oder persönlicher Grenzverletzungen?
Pädagogische Fachkräfte stehen vor der Aufgabe, diesen digitalen Ausdrucksformen Raum zu geben – ohne dabei zentrale Schutzrechte aus dem Blick zu verlieren. Wie können Beteiligungsplattformen offen und jugendgerecht gestaltet sein, ohne Datenschutz, Urheberrecht oder Persönlichkeitsrechte zu verletzen? Was braucht es, damit Jugendliche sich digital erproben dürfen – und Fachkräfte dabei rechtssicher begleiten können?
Im Workshop erhalten Sie fundierte, praxisnahe Einblicke in die rechtlichen Grundlagen digitaler Interaktionen. Wir erarbeiten gemeinsam Aspekte, wie digitale Räume gestaltet und durch pädagogische Fachkräfte begleitet werden können, so dass sie jungen Menschen Teilhabe ermöglichen – und dabei rechtliche Sicherheit, Medienkompetenz und persönliche Grenzen mitdenken.
→ Robert Harzewski (Rechtsanwalt für Datenschutzrecht, Datenschutzbeauftragter & Dozent, Dresden)
Workshop 3: KI trifft Jugendarbeit
KI trifft Jugendarbeit – Chancen nutzen, Risiken (er)kennen
Künstliche Intelligenz ist längst Teil des Alltags junger Menschen – sei es in Apps, Social Media, Text-generatoren oder Bildbearbeitungstools. Doch was bedeutet das für die offene Kinder- und Jugendarbeit? Und wie können pädagogische Fachkräfte souverän mit den Chancen und Herausforderungen von KI umgehen?
In diesem Workshop erhalten Teilnehmende einen praxisnahen Einstieg in das Thema Künstliche Intelligenz: Was steckt hinter dem Begriff? Wo begegnet uns KI im (pädagogischen) Alltag – und wie können wir mit Jugendlichen darüber ins Gespräch kommen, vor allem dann, wenn die Grenze zwischen Realität und KI-generierten Inhalten verschwimmt?
Neben der Auseinandersetzung mit Risiken und einem entsprechend kritischen Blick auf diese rasante digitale Entwicklung steht jedoch vor allem das Potenzial im Vordergrund: Wie kann KI kreativ und sinnvoll in Projekten mit Jugendlichen eingesetzt werden? Welche Tools bieten neue Gestaltungsmöglichkeiten für Einrichtungen? Und wie kann KI sinnvoll zur Beteiligung, Selbstwirksamkeit und Bildung beitragen?
Der Workshop lädt dazu ein, KI nicht als Bedrohung, sondern als Aufgabe, Chance und Werkzeug zu sehen, das die pädagogische Arbeit bereichern kann. Die kritische Grundhaltung immer mit dabei.
→ Arne Herkert (Medienpädagoge, Berater für Kinder- und Jugendmedienschutz, Leipzig)
Programm/Ablaufplan
| 09:30 Uhr | Ankommen und Anmeldung Begrüßungskaffee & Infotisch |
| 10:00 Uhr | Begrüßung durch das Projektteam Begrüßung und organisatorische Hinweise |
| 10:10 Uhr | Auftaktworte von Anke Miebach-Stiens Worte zur Jugend-App aus Perspektive des Projektträgers |
| 10:15 Uhr | Impulsvortrag 1 Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Digitale Jugendbeteiligung in Sachsen (inkl. Diskussionsrunde) |
| 11:00 Uhr | Impulsvortrag 2 Künstliche Intelligenz im Alltag – Warum wir alle KI-Kompetenz brauchen (inkl. Diskussionsrunde) |
| 11:45 Uhr | Mittagspause Buffet & Netzwerken |
| 12:45 Uhr | Auftaktworte von Susann Rüthrich Worte zur Jugendbeteiligung in Sachsen im Hinblick auf „yoggl“ |
| 13:00 Uhr | Workshops
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| 14:30 Uhr | Kaffeepause |
| 14:45 Uhr | Zusammenführung und Austausch im Plenum Kurzberichte aus den Workshops, Diskussion, Ideen für die Weiterentwicklung von yoggl |
| 15:45 Uhr | Abschluss und Ausblick Dank, Feedback & Einladung zum weiteren Mitwirken |
Kontakt
Projektträger und Förderung
Die AGJF Sachsen e.V. ist Projektträger für die Entwicklung und Implementierung einer JugendAPP. Sie verfolgt die niedergelegte Zielsetzung kooperativ und in enger Abstimmung mit dem Landesjugendamt des Freistaats Sachsen sowie weiteren Akteuren der überörtlichen Jugendhilfe.